DATENERHEBUNG

 

Die Datenerhebung erfolgt vor allem durch qualitative Methoden. Qualitative Methoden sind besonders geeignet, wenn es um die Gewinnung von Erkenntnissen über Rahmenbedingungen, Ziele, Abläufe und Effekte des Bürgerhaushaltes geht. Eine quantitative Untersuchung wird ergänzend durchgeführt. Dies gilt insbesondere für die Datenerhebung zum Haushalt, der quantativen Beteiligung, dem Profil der Teilnehmenden etc.

 

Qualitative Methoden

Die Wahl der qualitativen Methoden beruht auf folgenden Basismethoden:

 

Halbstrukturierte Interviews (Leitfadengespräche), welche im Mittelpunkt der Datenerhebung stehen. Das Orientierungsmodell bei der Auswahl der Interviewpartner war das „Dreieck der lokalen Demokratie“, das um die Gruppe der externen Akteure erweitert wurde. Demnach werden folgende Personengruppen interviewt: politisch Verantwortliche des Verfahrens; MitarbeiterInnen der Verwaltung, die mit der Durchführung der Beteiligung beauftragt sind, und Repräsentanten der Gewerkschaft der kommunalen Arbeiter und Angestellten; teilnehmende BürgerInnen; externe Akteure (BeraterInnen, WissenschaftlerInnen etc.). Von den Interviews wird eine komplexe Übersicht über die Ziele und Effekte des Bürgerhaushaltes/Partizipationsverfahrens sowie Informationen zu dessen politischem, sozialem und kulturellem Hintergrund erwartet. Der Aspekt des Gender Mainstreaming und die Rolle der Gewerkschaften werden hier ebenfalls mit einbezogen. Pro Stadt werden ca. 15 bis 20 Interviews durchgeführt.

Eine Beobachtung von Schlüsselmomenten, die es erlaubt, die Informationen der Interviewpartner mit der Realität zu vergleichen und die Dynamik des Verfahrens zu verstehen. Die Beobachtungen dienen insbesondere zur Erhebung der deliberativen Qualität des Verfahrens. Unter diesem Aspekt wird u.a. gemessen, inwiefern die Beteiligten aufeinander eingehen, wie der Verlauf der Diskussion ist, wie der Charakter der Diskussion einzuordnen ist etc.

Eine Inhaltsanalyse von Publikationen der verschiedenen Akteure (Bürgerschaft, Politik, Verwaltung und Externe) sowie internen Dokumenten und digitalen Quellen. Die Inhaltsanalyse erfolgt durch eine systematische Rekonstruktion der Inhalte hinsichtlich der Ziele und der Fragestellung des Projektes. Es wird zudem eine vollständige Bibliografie aller Publikationen erstellt.

Quantitative Daten

Die Erhebung von quantitativen Daten ist in den Fragebögen und im Beobachtungsleitfaden enthalten. Als quantitative Indikatoren werden u.a. erhoben: Haushaltsvolumen der jeweiligen Stadt, Anteil des partizipativ zu bestimmenden Haushaltes, Teilnehmerzahl, Grad der Umsetzung der von Bürgern unterbreiteten Vorschläge etc. Zudem werden dort, wo es die Datenlage zulässt, statistische Zusammenhänge aufgezeigt.

 

Instrumente

Zur Durchführung der qualitativen und quantitativen Forschung und zur Aufbereitung der Daten wurden folgende Instrumente entwickelt:

 

•  Ein interner "Registerbogen" dient als Grundlage zur systematischen Aufbereitung aller durch Interviews, Fragebögen und Beobachtungen gewonnenen Daten. Ein solches Dokument wird für jede Stadt angelegt. Es enthält eine detaillierte Beschreibung des sozialen, politischen und kulturellen Hintergrundes, der Finanzen und des Haushaltes, des Ablaufs des Beteiligungsverfahrens, der Modernisierung der Verwaltung, der Effekte und Grenzen der Partizipation. Das Forschungsteam hat sich bei der Entwicklung des Instruments an dem Fragebogen orientiert, der von Yves Cabannes für das Base Document „Municipal Finance and Participatory Budgeting“ im Auftrag des Programms Urbal 9 der Europäischen Union erarbeitet wurde.

•  Ein interner Fragenkatalog für eine Fallanalyse der Städte. Er dient zur Zusammenfassung der Informationen des "Registerbogens" unter Betonung der zentralen Fragen des Projektes,

•  ein Leitfaden für die Interviews mit den Akteuren aus Bürgerschaft, Politik und Verwaltung,

•  ein Leitfaden für Interviews mit Repräsentanten der Gewerkschaft der kommunalen Arbeiter und Angestellten,

•  ein Beobachtungsleitfaden , der zum tieferen Verständnis des Ablaufs der Partizipation sowie der Erhebung der deliberativen Qualität dient.

•  ein quantitativer Fragebogen für die BürgerInnen , die am Partizipationsprozess teilnehmen. Mit diesem Instrument werden soziographische Daten bezüglich Geschlecht, Alter, Beruf, Herkunft, Lebensumstände etc. erfasst,

•  ein quantitativer Fragebogen für die Stadtverwaltung , mit dem Daten zu den lokalen Finanzen und Haushalt erhoben werden.

 

Untersuchungsebenen

Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde zwischen vier Ebenen in der Feldforschung unterschieden, die wie ein konzentrischer Kreis organisiert sind. Im Zentrum steht die ethnographische Untersuchung, nach außen folgen mit abnehmender Intensität die vertiefte Studie, Vergleichsfälle und eine Analyse auf Grundlage von Sekundärquellen. Die Forschung wurde entweder durch das deutsch-französische Forscherteam, einzelne Kooperationspartner, oder in Kooperation zwischen Forscherteam und Kooperationspartner, durchgeführt.

Ethnographische Untersuchung

Eine ethnographische Studie setzt ein profundes Wissen der gesellschaftlichen, politischen und historischen Traditionen und aktuellen Begebenheiten des zu untersuchenden Landes voraus. Sie beinhaltet darüber hinaus eine detaillierte Kenntnis des lokalen Kontextes (Machtverhältnisse, Akteure, Debatten, urbane Situation…) sowie des zu untersuchenden Verfahrens. Beide Kriterien können nur dann erfüllt sein, wenn der/die Forscher/in über einen längeren Zeitraum in der zu untersuchenden Stadt/Gemeinde gearbeitet und/ oder gewohnt hat. Im Rahmen dieser Forschung fand eine ethnographische Untersuchung in neun Städten statt: Rheinstetten (Deutschland); Saint Denis (Frankreich); Salford (Großbritannien); Cordoba, Puente Genil (Spanien); Grottamare, Pieve Emmanuele, Rom und Venedig (Italien).

Vertiefte Studie

Eine vertiefte Studie beinhaltet den mindestens zweimaligen Besuch der Gemeinde/Stadt, die Teilnahme am und Beobachtung des Verfahrens sowie die Durchführung von Interviews mit Akteuren aus Politik, Verwaltung, Bürgerschaft und eventuell externen Personen (NGOs, Stiftungen etc.). Des weiteren müssen mittels eines standardisierten Fragebogens sozio-demographische Daten der Teilnehmer des Bürgerhaushalts und quantitative und qualitative Daten über die politische, finanzielle, wirtschaftliche und urbane Situation der jeweiligen Stadt erhoben werden. Schließlich füllt der/die Forscherin im Verlauf der Forschung einen internen „Registerbogen“ aus, der alle wichtigen Informationen über den lokalen Kontext und das Verfahren enthält. Insgesamt vierzehn Städte waren in dem Projekt das Objekt einer vertieften Studie: Emsdetten, Esslingen, Hilden (Deutschland); Mons (Belgien); Hämeenlinna (Finnland); Bobigny, Pont de Claix, Morsang-sur-Orge, 20. Bezirk ( arrondissement ) von Paris (Frankreich); Bradford (Großbritannien); Utrecht (Niederlande); Albacete, Sevilla (Spanien), Plock (Polen).

Vergleichsfälle

Vergleichsfälle dienen dazu, das gegebene Panorama der untersuchten Fälle zu erweitern, ohne dass die Forschung mit derselben wissenschaftlichen Systematik durchgeführt wird. Vergleichsfälle sind entweder Beispiele anderer Verfahren, die eine interessante Perspektive auf das eigentliche Forschungsobjekt vermitteln. Oder aber es handelt sich um das Untersuchungsobjekt selbst, über das es jedoch aufgrund mangelnder Beobachtungen und Interviews nicht genug Informationen gibt. Im Rahmen der Forschung waren Berlin-Lichtenberg (Deutschland) und Palmela (Portugal) sowie die französische Region Poitou-Charentes Vergleichsfälle.  

Analyse auf Grundlage von Sekundärquellen

Die Analyse mit der geringsten wissenschaftlichen Tiefe beinhaltet eine Untersuchung ausschließlich auf Grundlage von Sekundärliteratur oder Internetquellen. Es wird keine Feldforschung durchgeführt. Diese Form der Untersuchung dient dazu, die bestehenden Informationen zu ergänzen und somit ein umfassendes Bild des Untersuchungsgegenstandes zu vermitteln. Im hiesigen Fall handelt es sich um die Städte aus den nationalen Panoramaübersichten des Bürgerhaushalts.